„Back Im Game Vol. 1“ von Audio88 & Yassin

laut.de-Kritik

Manchmal muss raus, was raus muss.

Review von

Im Podcast der Backspin unterhielten sich Audio und Yassin neulich darüber, wie schwer es zur Zeit ist, an Plätze in Vinyl-Presswerken zu kommen. Und in einem bewundernswerten Akt der Kundentransparenz hauen sie dann die Info raus, dass sie dieses Album mehr oder weniger aus der Hüfte geschossen haben, weil sie kurzfristig einen Slot für eine Vinyl bekommen haben. Rappt Yassin dann auf seinem ersten Part darüber, dass er nicht plant, sich Mühe mit den Texten zu geben, ahnt man kurz Übles. Aber auch wenn sich „Back Im Game Vol. 1“ etwas wahllos anfühlt, vielleicht steht ihnen die neu gefundene Lockerheit langfristig besser als die verkrampfte Suche nach dem relevanten Thema.

Audio gelingt das Schreiben auf Knopfdruck solide, die Pointen sitzen und die Parts geraten durch die Bank unterhaltsam. Nur die Punchlines zielen teilweise an seltsame Orte. Lines gegen VBT-Rapper mit Kontaktlinsen muss er ja wirklich vor zehn Jahren geschrieben haben als dieses Thema gerade aktuell war. Auch „Pizza“ von der Antilopen Gang disst er ein stabiles halbes Jahrzehnt zu spät. Aber manchmal muss eben raus, was raus muss, auch wenn man das Textblatt jahrelang in der untersten Schreibtisch-Schublade vergessen hat. Die Sprachbilder machen ja trotzdem viel zu viel Spaß: „Tret‘ Rappern in die Schwänze und trage sie als Socken“ – wer sonst könnte so etwas von sich behaupten?

Yassin fühlt sich Performance-mäßig ein wenig all over the place an. Es gibt ein paar Parts von ihm hier, die sind einfach nichts. Auf dem Titeltrack hört man ihn mit dem Füllen des Textblattes ringen „Sind nicht hundertpro zufrieden, doch es reicht-reicht-reicht-reicht / Für euch Pisser locker, call me Mister Lover, Lover / (Mhm-mhm) Rapp‘ Müll, wie ich Bock hab‘ / Seit Normaler Samt nicht mehr so auf Text geschissen„. Yassin, klar, Deadlines sind hart, aber wir müssen nicht darüber sprechen, dass du das besser kannst, oder? Aber wenn von ihm ein paar große Ausfälle kommen, liefert er auch die emotionalen Hochpunkte des Albums. „Denn wenn wir ehrlich sind, bin ich für dich nur ein Kanacke / Der’s dir leichter macht, andere Kanacke zu verachten (fick dich)“ könnte die härteste Line des Albums sein – und einer der Momente, in denen man spürt, dass er etwas zu sagen hat.

Wenn er auf „Pochoir“ dann sein Verhältnis zwischen Rap und Sucht nacherzählt, fühlt sich das ganze musikalisch dicht und verletzlich an. Locker der beste Song hier und eines der gelungenen Track-Experimente, auf dem sie endlich Humor und Ironie mal beiseite lassen und auf ihre Storytelling-Fähigkeit vertrauen. Auf „Todesliste“ hatte man manchmal das Gefühl, ihr Charakter hätte sich zu sehr zu dieser Rolle des ironisch-wütenden Thesen-Raps versteift. Aber sowohl da als auch hier gelangen die besten Momente, wenn sie sich von dieser Formel lösen. Außerdem: Torky Tork macht hier teilweise verdammtes Dynamit. Das Sample auf „Einsame Insel„, der scheppernde Groove auf „Botschafter Des Friedens„, die Sci-Fi-Eleganz von „Bierpong Gegen Gott“ klingt, als hätte es ziemlich viel „I’ll Sleep When You’re Dead“ gepumpt. Wundervoll!

Deswegen kommen an diesen Stellen auch die atmosphärischsten Parts auf. In den besten Momenten fühlt man sich an alle Liebe erinnert, die man für das Duo je empfunden hat. An die Stimmung, die sie bei den „Herrengedeck“-Tapes oder auf „Der Letzte Idiot“ aufgebaut haben. Aber dazwischen bleiben doch viele klamaukige Filler. Man kann es Twitter-Take-Rap nennen. Man erfährt die ganze Zeit Meinungen der beiden zu Sachen. Was hält Yassin von Savas? Was hält Audio von Will Ferrell? Was von Autotune? Juckt das besonders? Nicht wirklich. Aber die Song müssen eben aufgefüllt werden, was auch zu den drei bizarreren Songs hier führt: „High“ handelt vom Kiffen, „Händän“ witzelt darüber, dass man schlechte Parts mit Autotune retten könne und „In Flagranti“ erzählt die Geschichte eines Scheidungskinds nach, mit der Pointe, dass es mit 18 von Audio angeschrien wird? Sie alle wirken wie Songs, die beim ersten Hören vielleicht ganz witzig sein mögen, aber deren Witz sich sehr schnell abnutzt. Bei so einer knappen Spieldauer fühlt es sich schräg an, so viel Platz für glorifizierte Skits zu verramschen.

Ein bisschen Klamauk wäre ja in Ordnung, aber trotz ein paar strahlender Highlights wechselt sich auf „Back Im Game Vol. 1“ oft das Unwesentliche mit dem Albernen ab. Da die beiden als Texter und Performer routiniert sind, gerät das Tape auch dank seiner überschaubaren Länge als ein solides, unterhaltsames Gesamtprodukt, weniger kohärent, aber dafür auch wesentlich weniger angestrengt als der Vorgänger. Sicherlich haben die Fans ihren Spaß daran, denn auch eine Routine-Arbeit der Beiden hat ihren Reiz. Aber für ein ganzes Projekt hat das Album doch verhältnismäßig wenig Fleisch auf den Knochen.