Literatur: Der Zapfenstreich des Schnepfenmännchens

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Das ist Irland: Vor der Bar der Sarg

Legt man den Begriff weit aus, ist »Schuld und Sühne« ein Kriminalroman, weil Ausgangs- wie Höhepunkt von Dostojewskis Reflexionen über Gesellschaft und Gerechtigkeit, über den Sinn des Lebens und die Kraft der Liebe ein Mord ist, die Ermordung einer Wucherin durch Ro­dion Raskolnikow. Auch »Bogmail« des 1937 geborenen Patrick McGinley ist ein Kriminalroman, weil am Anfang ein Verbrechen steht. Doch auch hier ist die Bluttat bloß ein Kunstgriff des irischen Autors – nicht um tiefsinnig weltstürzende Gedanken zu wälzen, sondern um weitaus volkstümlicher das Gleiche zu tun. Nämlich: um Irland und die für ihr gedankenwildes Kneipenleben berühmten Iren wohlwollend und vielleicht mit einem Gran Ironie zu porträtieren.

Startpunkt ist die Ermordung des Barmanns und Frauenhelden Eamonn Eales. Weil er der abgöttisch geliebten Tochter des Kneipenbesitzers Tim Roarty nachstellt, wird er von ihm, nachdem ein erster Mordversuch mittels eines vergifteten Pilzgerichts fehlgeschlagen ist, eines sehr späten Abends, mit Band 25 der Encyclopædia Britannica erschlagen, die Leiche im Moor (englisch »bog«) vergraben. Die Sache scheint gelaufen, doch eines Tages erhält Roarty eine Bogmail, den Erpresserbrief (englisch »blackmail«) eines mutmaßlichen Augenzeugen. Weitere Botschaften folgen, und Roarty nimmt einen Zugereisten, den Engländer Kenneth Potter, ins Visier, der im Auftrag einer Londoner Firma das Land nach Bodenschätzen auskundschaftet.

So weit die Rahmenhandlung, aber die Krimielemente braucht das Buch nur als Motor, der im Hintergrund brummt. Im Vordergrund stehen Land und Leute, stehen der Kneipenwirt und seine Stammgäste, zu denen der etwas randständige Fischer Rory Rua, der ehrgeizige, ewig unterforderte Dorfpolizist McGing und der phantasievolle Lokalreporter Gillespie gehören, stehen das Leben und Reden der Iren. Das prägt dem Roman durchaus Züge einer in die Literatur verpflanzten, womöglich gar mit dem Seitenblick auf Touristen aufbereiteten ethnologischen Exkursion ein; immerhin ist das Buch 1978 erschienen, zu einer Zeit, als das noch arme, ländliche Irland eines der Lieblingsreiseziele junger, vom Ausstieg träumender Touristen wurde, die der effizienten, technokratischen, knochentrockenen BRD wenigstens für ein paar Urlaubswochen entfliehen wollten.

Man kann das verstehen, muss den auf Nüchternheit und Sachlichkeit getrimmten Deutschen doch eine alkoholselige, von phantasievollen Erzählern bevölkerte, vom Kontinent nicht zufällig geschiedene Insel, auf der das wirkliche Leben vor allem in der Kneipe stattfindet, als Paradies erschienen sein. Eines mit dunklen Flecken zwar, zu denen die katholische Kirche gehört; deren Geschick, ihre Interessen durchzusetzen und die Leute zu manipulieren, weiß auch McGinley beispielhaft – es geht um Erhalt eines vom Volk geliebten alten Holzaltars versus Bau eines vom Kanonikus gewünschten neuen Tempels – vorzuführen.

Vor allem aber ist dieses gute, alte Éire das Eiland eines grundsympathischen Völkchens von Männern, die allerwege Originale sind, und gutwilligen Frauen wie Roartys neuer Bar- und bald auch Herzensdame Susan Mooney und Nora Hession, der Haushaltshilfe des Pfarrers, die, nein, nicht dessen Bettgenossin ist, sondern dem Charme des Fremden aus Britannien erliegt und die Fessel der katholischen Sexuallehre ablegt. Beides, Noras voreheliche Unkeuschheit, mehr noch die freizügige Schilderung, was Susan und Roarty treiben, dürften anno Schnee zu der Entrüstung beigetragen haben, mit denen der Roman seinerzeit in Irland selbst aufgenommen wurde.

Hinsichtlich der Kneipen- und übrigen Alltagskultur ist hoffentlich alles beim alten geblieben. Da geht es bei einem guten und vielleicht schon zehnten Stout um hochwichtige Fragen, zum Beispiel wie viele Tonnen Erdreich der durchschnittliche Regenwurm im Jahr lockert, ob eine Häsin ihren Nachwuchs auf einmal wirft oder sicherheitshalber jedes Junge in einem getrennten Nest unterbringt oder »wie das Schnepfenmännchen im Frühjahr seinen Zapfenstreich« schlägt – ja, man wünschte sich, in der Kneipe wäre nie Zapfenstreich!

Und wäre der Roman nie zu Ende! Mag er auch vor Klischees strotzen, nicht zuletzt das der keltischen Freude am Geschichten- und Quatscherzählen – was will man mehr von einem Buch, das am Ende eben weit mehr als ein Kriminalroman ist. Darf man von Dichtung sprechen? »Dichtung war etwas, auf das jeder sich verständigen konnte, da niemand sicher sein konnte, worum es da ging.« Hier weiß man es: Irland und die Iren.