Pantomimik: Mehr als nur der »Marceau des Ostens«

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Klassischer Meister des gestischen Theaters: Eberhard Kube (1936–2022)

Die Pantomime in Deutschland, einst eine gefeierte Bühnenkunstgattung in West und Ost, scheint seit längerem vergessen und vergraben. Große Festivals zu deren Ehren und Vorankommen gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr. Und nun haben wir uns leider zudem von einem der größten und letzten deutschen Mimen und Bereicherer des klassischen gestischen Theaters zu verabschieden: Eberhard Kube ist nach langer Krankheit am 22. Februar, wenige Wochen vor seinem 86. Geburtstag, auf seinem Kulturgut in Mecklenburg gestorben.

Der Berliner Nestor der Pantomime in der DDR hinterlässt eine ihn durch die letzten drei Lebensjahrzehnte tatkräftig und heiter und so auch bis zum letzten Atemzug begleitende Ehefrau, aber auch eine große Gemeinde von langjährigen Freundinnen und Freunden seiner gelebten Bühnen- und weiteren Künste. Denn er war ein Meister nicht nur dramatischer und poetischer Ausdrucksmöglichkeiten, sondern auch mannigfaltiger weiterer Begabungen: von Jugend an Sportskerl zu Rad und zu Wasser, Angler, dann Lehrer, Artist, Baumeister und Konstrukteur, Organisator, Teambildner hinter dem Vorhang wie auch gefeierter Solist im Rampenlicht. Und bei all dem besaß er obendrein stets eine Tugend, die heute immer seltener bei Zeitgenossen anzutreffen ist: absolute Zuverlässigkeit. Ob es die Profession betreffende Verabredungen anbelangte oder Freundesbande – auf Kube konnte man fest rechnen. Komme, was da wolle. Dasselbe erwartete er allerdings auch von anderen.

In Sachen Selbstdisziplin im allgemeinen, aber auch beim Training perfekter Körperbeherrschung kannte er bei sich selbst kein Pardon. Und zuweilen auch keines, wenn man (und Frau) auf dem Probenparkett »mit ihm zu tun« hatten. Davon wissen einstige Mime-Elevinnen und -Eleven des von Kube 1971 bis 1987 geleiteten und 1978 mit dem »Berlin-Preis« ausgezeichneten Laienensembles »Pantomimentheater vom Prenzlauer Berg« in der Schönhauser Allee mancherlei zu erzählen. Aber genau deshalb sind sie heute zu den letzten Standhaften, Verlässlichen ihrer wenn auch immer seltener gefragten Theaterzunft im Lande zu zählen – nunmehr als Einzelkämpferinnen und -kämpfer auf kleiner Bühne, als Coaches für Körpersprache oder auch als Statistinnen und Statisten in Bühnen- und Filmprojekten. Ich kenne jedoch keine Kube-Nachfolgerin und keinen -Nachfolger aus dessen einstiger Schule des gestischen Theaters, die sich schließlich damit begnügt hätten, als zum Leben erwachende weiße oder bronzefarbene Statuen auf Bürgersteigen und in Parkanlagen bei aufkreischenden Flaneurinnen Almosen einheimsen zu wollen.

Eberhard Kube, der mir gegenüber vor einiger Zeit in einem langen Zwiegespräch über unser beider – zeitweise gemeinsamer – Lebenswege mit erhobenem Zeigefinger lachend bekannte: »Ich bin ein Kriegskind und ein Berliner«, war ein Sohn »einfacher Leute« in Berlin-Friedrichshain, der Vater überlebte den Krieg nicht, und der Junge sorgte trickreich dafür, dass danach er, Mutter und die kleinere Schwester über Wasser blieben. Kube konnte in der jungen DDR Geschichte und Körpererziehung studieren und war dann von 1958 bis 1961 Lehrer in Berlin.

Ein Auftritt der französischen Pantomimenlegende Marcel Marceau im Jahr 1958 gab ihm den Anstoß: »Das ist mein Ding!« 1962 war er nach hartem Training der erste anerkannte freiberufliche Pantomime der DDR, gründete sein Pantomimenstudio Berlin in einem Hinterhof an der Schönhauser Allee, aus dem schließlich jenes Pantomimentheater vom Prenzlauer Berg hervorging. Mit seinem Ensemble, aber überwiegend als Solist, trat er bei vielen Auslandsgastspielen unter anderem im Nahen und Fernen Osten, in der Sowjetunion und in Frankreich auf, wo ihn mittlerweile eine schöne Freundschaft mit Marceau verband. Vor Auftritten in der Bundesrepublik wurde er dort gern selbst auch mal als der »Marceau des Ostens« betitelt.

1987, gerade mit dem »Kunstpreis der DDR« ausgezeichnet, kehrte er von einem Gastspiel in Köln nicht nach Ostberlin zurück, verärgert über die Reformverweigerung der Partei- und Staatsführung der DDR. Mit dem Mauerfall die Rückkehr nach Ostberlin und hier im Juli 1990 seine letzte Großtat: als Direktor des neugegründeten Mime-Centrums Berlin und in Kooperation mit dem Westberliner Hebbel-Theater die Organisation und künstlerische Leitung der »Internationalen Woche Gestisches Theater Berlin 90«. Seither ist es immer stiller geworden um die stille Kunst und um den Mimen, Stückeautor und Regisseur Eberhard Kube.