„Exactly The Amount Of Steps From My Bed To Your Door“ von Bayuk

laut.de-Kritik

Großer Pop im Indie-Gewand.

Review von

Es gibt ja diese alte Gegenüberstellung. Indie gut – Pop böse. Lieblingsgenre gut – Pop böse. Absoluter Schwachsinn. Sowas sagen immer nur Leute, die auch keine Schokolade essen, weil sie den Gedanken an Spaß oder Freude nicht ertragen können. Außerdem: Pop is everywhere, baby. Nehmen wir einfach mal Phoebe Bridgers als Musterbeispiel. Klar, die Indie-Credentials der Phoebe Bridgers sind lauter als ein Jahrmarktsschreier. Album mit Conor Oberst, Background-Gesang bei „Big Red Machine„, Songs mit Julien Baker und Lucy Dacus. Aber ihr immer noch bester Song „Motion Sickness“ kann noch so sehr nach Folk und Indie klingen, am Ende ist der Refrain so verdammt catchy, es muss einfach Pop sein.

Warum dieser Exkurs? Nun, Magnus Hesse aka Bayuk hat mit „Exactly The Amount Of Steps From My Bed To Your Door“ ein Album vorgelegt, das so verdammt nach 90s und Folk und Indie und dem ganzen guten Stuff klingt und trotzdem unverschämt Pop ist. Am allerbesten zeigt er sein Händchen für den eingängigsten, geilsten Pop auf „Supercoolkidsuniverse„. Egal wie vernuschelt und Lo-Fi und Low-Energy die erste Strophe klingt. Sobald er im Handumdrehen die Melodie ins Gigantische führt, irgendwie nach dem zweiten Wombats-Album klingt, Streicher auffährt, von verflossener Liebe singt und Chöre erklingen, kommen alle Pavement-Gedächtnishemden in die Altkleidertonne.

Egal wie lang die Songs auch gehen mögen, in welcher Grabbelkiste des Indies er sich auch bedient, am Ende stehen die Hooks und große, weltumarmende Melancholie. „From the west coast hype to the ancient greek / I am walking / just walking“ strahlt als Perle des unbedingten Willens, die Gitarre gniedelt in der Bridge selbstvergessen, im Refrain proklamiert Hesse weise und verletzt „Loving meets hating / and hating meets caring / and caring a lot to me„. Hier schrammelt die Gitarre wie eine Warnung, gleich explodiert hier alles. Es ist ganz, ganz großes Kino.

Vorbei sind die behutsamen Störelemente des Debütalbums, „ETAOSFMBTYD“ klingt weiser, ausgereifter, verspielter und dennoch kontrollierter. Hesse zeigt sich als Hansdampf in allen Gassen, meistert Indie-Folk-Pop im traurigen Roadtrip „200 Miles„, spielt mit bittertrauriger 80s-Nostalgie und Außenseitertum auf „Marty McFly“ und zeigt auf „Dear Paul“ die seltene Fähigkeit, auch aus der größtmöglichen Betrübnis über das eigene Schicksal einen Refrain für die Ewigkeit zu zaubern. Alles inklusive Gitarren aus dem 90s-Himmel und einer Stimme von solcher Zart- und Weisheit, man möchte sie nie wieder aus den Ohren verlieren.

Natürlich, „Head Under Waves“ ist nicht der große Wurf. Die nervösen Drums und gehetzte Atmosphäre des Songs untergraben die emotionale Klarheit von Zeilen wie „And it feels so wrong / and it doesn’t make sense / but I feel like I can’t love you back / if I can’t love myself„. Der schräge Beinahe-Country „Oslo“ scheint den Refrain mit der Brechstange erzwingen zu wollen, scheitert aber am Spagat Strophe-Refrain.

Doch einem Album wie „Exactly The Amount Of Steps From My Bed To Your Door“ seien solche Schwächen verziehen. Es gibt viel zu viel zum Verlieben (ironischerweise vor allem, wenn Bayuk vom Ende der Liebe singt) an diesem Album, als dass missglückte Experimente auf seiner Suche nach den großen, universellen Gefühlen, wirklich wehtun könnten.