Aufrichtigkeit statt Ironie

„For there is nothing either good or bad, but thinking makes it so.“ Lars Eidinger über Jedermann, Shakespeare, Deichkind und Lars Eidinger.

von Zita Bereuter

„Ich liebe Lars Eidinger,“ schwärmt die Frau am Nebentisch im traditionsreichen Café Tomaselli in Salzburg und zieht das Verb so unnatürlich in die Länge, wie man das vorzugsweise von Teenagern oder aus der Werbung kennt. Eine ihrer Freundinnen ist ratlos. „Lars Eidinger? Kenn ich nicht.“ Doch, doch, bleibt die erste energisch. „Lars Eidinger hast du sicher schon gesehen. Der kann einfach alles spielen. Hamlet. Babylon Berlin. Und neulich war er in so einer Serie irgendein Nazi.“ Bedeutungsvolle Blicke. „Der Eidinger ist der beste deutsche Schauspieler.“ Entschieden hebt die Endsechzigerin das Proseccoglas, während Lars Eidinger gleichzeitig in der Maske sitzt und von dieser Szene nichts weiß.

Lars Eidinger hat nicht nur in Salzburg viele Fans. Quer durch die Altersgruppen, quer durch die Geschlechter, quer durch verschiedenste Kunstgattungen. Auf FM4 kennt man den „besten Schauspieler der Welt“ (Zitat Lars Eidinger – Erklärung weiter unten) aus diversen Filmen und Serien – von „Alle Anderen“ über „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ bis zu „Ich und die Anderen“ oder „Schwesterlein“.

Man kennt ihn aus Musikvideos, allen voran von Deichkind, als den Typen, der extrem heftig abtanzt, der nackt rumrennt oder der sich „richtig gutes Zeug“ reinsteckt. Man kennt ihn als menschlichen Pinsel, als DJ (Autistic Disco) und als Fotografen. Aktuell stellt er in Bad Gastein aus.

Lars Eidinger im Jedermann

SF / Matthias Horn

Mit Lars Eidinger als „Jedermann“ und Verena Altenberger als „Buhlschaft“ wird „Jedermann“ völlig entstaubt und beeindruckt umso mehr.

Seit Sommer 2021 kennt man ihn auch als wohl jüngsten „Jedermann“ in Salzburg. Verena Altenberger spielt die Buhlschaft an seiner Seite. „Jedermann“ wird zu Popkultur und Lars Eidinger ist genau das: Ein Popstar. Seine Gedanken zur Popkultur und seine wichtigsten Songs bespricht er im FM4-Gästezimmer. (Auch Verena Altenberger präsentiert ihre Lieblingssongs in ihrem FM4 Gästezimmer.)

Im Folgenden erzählt Lars Eidinger von Jedermann, Shakespeare, Deichkind und Lars Eidinger.

Lars Eidinger mit Tintenfischtentakeln in der Nase im Deichkind-Video von "Richtig gutes Zeug"

Youtube-Screenshot

Screenshot aus dem Musikvideo „Richtig Gutes Zeug“ von Deichkind.

Eben noch Maiskölbchen in der Nase, jetzt der Jedermann. Welche dieser Rollen fühlt sich denn für dich am authentischsten an?

Zita Bereuter: Eben noch Maiskölbchen in der Nase, jetzt der Jedermann. Welche dieser Rollen fühlt sich denn für dich am authentischsten an?

Lars Eidinger: Also John Bock, ein Künstler, mit dem ich auch schon viel zusammengearbeitet habe, den ich sehr verehre – ich hab mit dem „Peer Gynt“ an der Berliner Schaubühne gemacht, kurz vor der Pandemie – hat gesagt: „Lars Eidinger ist sein eigenes Gegenteil.“ Damit kann ich was anfangen. Alle anderen Zuschreibungen kommen mir bekannt vor, hab ich auch schon mal gehört, bin aber nicht ich.
Also ich geb dir Brief und Siegel. Wirklich! Ehrenwort! Jeder, der mich kennt, ist verwundert über dieses Image. Aber es ist okay. Ich kann mich damit arrangieren. Es hat mit mir überhaupt nichts zu tun. Es ist doch ganz oft so, wenn mir Leute begegnen, wenn ich Leute neu kennenlerne, sagen die: „Hä, du bist ja ganz anders als ich gedacht habe.“ Dafür kann ich ja nichts. Ich kann ja nichts für mein Image. Ja? Ich kann mich damit …

„Lars Eidinger ist sein eigenes Gegenteil.“ Damit kann ich was anfangen.

Zita Bereuter: Naja. Du pflegst schon auch dein Image, oder? Würde ich mal sagen …

Lars Eidinger: Ja, aber es geht darum, wie es bewertet wird. Bei meinem Instagram Account steht ja z.B. mein Lieblingszitat von Shakespeare aus Hamlet „For there is nothing either good or bad, but thinking makes it so.“ Es gibt nichts Gutes oder Schlechtes, es sei denn, das Denken macht es dazu. Das muss man einfach dazu wissen.
Mich stört immer diese Bewertung. Immer dieses: „Das meint das und das.“ Manches meint vielleicht auch gar nichts. Wenn Verena Altenberger kurze Haare hat, dann hat sie die, weil sie vorher einen Film gedreht hat, wo sie sich die Haare abschneiden musste. Das war’s. Die hat sie nicht, weil es ein Statement ist. Und wenn ich mir die Fingernägel anmale, male ich mir die an, weil ich es schön finde. Und nicht, weil ich gerne eine Frau wäre. Oder weil ich irgendwas ausleben möchte. Nein, es ist manchmal einfach viel einfacher.
Ich finde diese Überinterpretation und dieses Bewerten und auch dieses sich moralisch erheben, was ich z.B. der Twitter-Gemeinde vorwerfe, nicht nachvollziehbar. Ich mache das nicht mit anderen. Ich erhebe mich nicht moralisch. Und ich gehe auch nicht in dieses ständige ironische bis zynische Betrachten meines Gegenübers. Ich versuche mich da komplett zu entziehen.
Ich finde, unsere Gesellschaft ist viel zu ironisch. Christoph Schlingensief hat es 2000 schon erkannt: Ironie ist systembestätigend. Das ist etwas, was uns den ganzen Impuls zum Widerstand nimmt, weil es uns ja erhaben macht über jeglichen Konflikt.
Und wir können über alles lachen. Und es ist immer alles „als ob“. Ich bin aufgewachsen damit, dass gesagt wurde: „Das ist ein toller Mann oder toller Mensch, der kann über sich selber lachen.“ Ich finde mittlerweile toll, wenn jemand sich ernst nimmt. Oder das finde ich bewundernswert oder das erkenne ich an, wenn jemand sagt: „Das ist meine Meinung. Ich stelle mich auf eine Bühne.“ Und nicht immer so: „Haha, ihr wisst schon, wie ich es meine.“ Nee, ich weiß nicht, wie du es meinst. Sag es mir!

Mich stört immer diese Bewertung. Immer dieses: „Das meint das und das.“ Manches meint vielleicht auch gar nichts.

Zita Bereuter: Häufig machst du das doch auch. Wenn du etwa sagst: „Ich bin der beste Schauspieler der Welt.“

Lars Eidinger: Das ist ja keine Ironie.

Zita Bereuter: Das ist todernst?

Lars Eidinger: Ja.

Zita Bereuter: Sehr gut.

Lars Eidinger: Nein. Also Ironie wird einem nur immer unterstellt. Auch meiner Fotografie wird Ironie unterstellt. Das ist nicht ironisch. Ich würde es nicht Ironie nennen. Ich würde es Provokation nennen.
Es ist eine Disziplin, wo es sowas gar nicht gibt: den besten Schauspieler der Welt. Aber es werden immer solche Kriterien angelegt oder wie oft der Genie-Begriff fällt. Oder „kongenial“, was der da macht. Ich finde das völlig vermessen.
Und damit aufzuräumen und einfach mit einer – daher kam das – mit einer Rap-Attitüde zu sagen: „Ich bin der größte Schauspieler der Welt.“ Weil es nimmt ja auch keiner einem Rapper übel, wenn er es rappt. „Ich bin der beste Rapper der Welt.“ Da geht’s auch ums Battlen und auch um Spaß am Wettkampf und an der Auseinandersetzung.

"Ich und die Anderen" mit Lars Eidinger.

Superfilm

Filmstill aus „Ich und die Anderen“

Und außerdem ist die Geschichte sowieso ganz anders und total verklärt worden. Die Geschichte war so: Wir waren eingeladen mit „Hamlet“ in Sydney in das Theater von Cate Blanchett, das sie mit ihrem Ehemann führt. Das war vor 15 Jahren. Dann ruft mich ein Journalist an – in Berlin aus Sydney – und sagt: „Cate Blanchett hat gesagt, Sie sind der größte Schauspieler der Welt.“ Und dann habe ich gesagt: „Ja, stimmt.“ Das war die Geschichte. Das hat dann der Tagesspiegel aufgenommen. Da wurde es tausendmal abgeschrieben und so. Ich meine, jeder, der mehr als zwei Gehirnzellen hat, weiß, wie der Satz gemeint ist. Ja, also was soll das heißen? Der beste Schauspieler der Welt. Wenn ich sagen würde: „Ich spring fünf Meter hoch,“ würde jemand sagen: „Ja, mach mal.“ Aber das andere muss ich gar nicht beweisen. Ich kann es einfach sagen.

„Ich bin der größte Schauspieler der Welt.“

Lars Eidinger im Jedermann

SF / Matthias Horn

Zita Bereuter: Lass uns über Jedermann sprechen. Du bist heuer der „Jedermann“. Die Aufführung ist sehr texttreu, also extrem nah dran am Original. Einmal kommt eine Stelle von Bert Brecht vor. Wessen Idee war das?

Lars Eidinger: Das ist eine Stelle aus einem Gedicht von Brecht. Ich war auch verwundert. Ich habe mich in einem anderen Zusammenhang mit Liebesgedichten von Brecht beschäftigt. Und da taucht ein Gedicht auf, das heißt „Morgenchoral für Jedermann“. Inhaltlich ist es so nah dran, dass ich dachte, vielleicht ist es ja sogar für den Jedermann geschrieben, weil Brecht ja auch mal den Auftrag hatte, eine Bearbeitung zu machen.
Aber es war tatsächlich meine Idee und es war auch ein großer Streitpunkt zwischen mir und Michael Sturminger (Anm.: der Regisseur), weil er gesagt hat, er möchte nicht, dass ich dieses Lied da singe. Ich habe darauf bestanden. Er hat gesagt, dass sein Name unter der Inszenierung steht.
Ich wusste aber, das hab ich von Christoph Schlingensief gelernt, dass man als Künstler autark sein muss. Ich wusste, am Abend stehe ich dann doch auf der Bühne und dann obliegt mir die Entscheidung zu sagen: „Ich sing das jetzt oder nicht.“ Und ich finde es sehr wichtig. Was mir nämlich an diesem Stück oder an der Arbeit sehr wichtig ist: dass der Zuschauer begreift, dass er gemeint ist. So wie ich mich da zur Disposition stelle, in Frage stelle und mich als reicher, weißer, privilegierter Mann auf die Bühne begebe – stellvertretend für das Publikum -, so möchte ich, dass das Publikum verführt ist oder interessiert ist oder provoziert ist, sich in dieser Figur zu erkennen. Und das ist, glaube ich, die letzten Jahre nicht passiert, weil dieser vielleicht missverständliche Untertitel „das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ dazu führt, dass man tatsächlich denkt, man schaut jetzt dem reichen Mann beim Sterben zu, ohne zu verstehen, dass wir damit gemeint sind. Wir sind die Reichen. Und ich nehme mir sozusagen den Raum, in dem Moment zu sagen: Wer bin ich denn?
Das ist noch Hofmannsthal: Der Jedermann. Jeder Mann. Und dann warte ich einfach, bis das Publikum begreift, dass es jetzt um sie geht. Wenn sie es bis dahin noch nicht begriffen haben. Dann sage ich es noch auf Englisch „Every man“.
Dann kommt ein Zitat von Muhammad Ali: „Give us a poem!“ – „Me? We.“

Morgenchoral für Jedermann.
Wach auf, du verrotteter Christ!
Mach dich an dein sündiges Leben
Zeig, was für ein Schurke du bist
Der Herr wird es dir dann schon geben.
Verkauf deinen Bruder, du Schuft!
Verschacher dein Ehweib, du Wicht!
Der Herrgott, für dich ist er Luft?
Er zeigt dir’s beim jüngsten Gericht!

Das ist die Geschichte vom Jedermann, und das war es mir wert, es zu zitieren, auch sozusagen gegen den Willen des Regisseurs.

Dann gibt es noch die andere Stelle aus der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“, wo die heilige Johanna das System beschreibt als ein Schaukelbrett mit zwei Enden, die voneinander abhängen.
Das ganze System ist eine Schaukel mit zwei Enden, die voneinander abhängen und die oben sind oben nur, weil die anderen unten sind. Und nur solange die anderen unten sind und wären nicht mehr oben, würden die anderen heraufkommen, ihren Platz verlassen. Und die oben schreien herunter „Kommt doch rauf, damit wir alle oben sind.“ Und dann erkennen sie, was sie verbindet, ist kein Weg, sondern ein Brett, ein Schaukelbrett. Und das ist was – es kann man wie eine Folie auf jeden Konflikt legen.
Ob es jetzt um Gleichberechtigung der Geschlechter geht: Die Männer müssen verstehen, dass sie die Frauen nicht auf ihr Niveau hieven können, sondern wir müssen als Männer unsere Privilegien abgeben. Wir müssen absteigen, um Gleichberechtigung herzustellen. Und auch was die Schere zwischen Arm und Reich betrifft: Wenn wir unseren Reichtum nicht abgeben, wenn wir nicht aufhören, die Armen auszubeuten, dann werden wir nie auf dem gleichen Niveau landen. Und dazu sind wir ja gar nicht bereit. Und deswegen wird sich auch nichts ändern. Wir denken immer, es könnten alle auf unser Niveau aufschließen. Das stimmt aber nicht.

Zita Bereuter: Aber damit machst du allen Angst, weil sie ja nichts hergeben wollen.

Lars Eidinger: Ja, mir selber auch. Ich will ja auch nichts hergeben. Ich will es den Leuten nur bewusst machen, dass wir das System sind. Ich habe diesen Spruch ‚Fuck the System‘ nie verstanden, der an Häuserwände gesprüht ist. Weil der behauptet ja, es würde irgendwie graue Eminenzen geben, die uns bewachen, die uns ausnutzen. Wir – wir nutzen uns aus. Wir hören uns gegenseitig ab. Wir geben alles preis. Es ist eine Entscheidung von jedem selbst und man kann als Individuum sich auch entschließen, diesem System zu widerstehen. Nur – das macht keiner. Keiner von uns lebt, oder die wenigsten, leben im aktiven Widerstand zum Kapitalismus.

Zita Bereuter: Lars, du machst so viel und bist auf so vielen Ebenen und Gebieten aktiv: als Schauspieler, als Fotograf, als DJ. Und du gehst immer gern an die Grenzen und lotest die aus. Was ist für dich der gemeinsame Nenner? Was treibt dich an?

Lars Eidinger: Bei mir geht es vor allem um den Ausdruck. Also ich möchte eine Idee oder eine Ahnung bekommen, wer ich bin. Und ich habe gemerkt, dass ich durch das Veräußern, durch etwas Expressives bei mir ankomme. Also das Gegenteil von dem, was man vielleicht annehmen würde. Es hat nichts Introvertiertes. Da kommt man zu nichts. Aber über die Veräußerung kann man sich erkennen. Und ich glaube, der höchste Anspruch oder der wichtigste Anspruch, den ich an mich selbst habe, ist Aufrichtigkeit. Und das ist nicht als Wahrheit oder Wahrheitssuche misszuverstehen, weil ich die Wahrheit für mich nicht beanspruche, ich weiß die Wahrheit nicht und es geht auch nicht um richtig oder falsch. Es geht darum, dass sich das, was ich denke, mit dem deckt, was ich mache. Und dann bin ich glaubwürdig. Und dann bin ich aufrichtig.