„Way Down In The Rust Bucket“ von Neil Young & Crazy Horse

laut.de-Kritik

1990 fand der Kanadier wieder zu alter Stärke.

Review von

Die 1980er Jahre waren für Neil Young fast bis zum Ende so etwas wie ein verlorenes Jahrzehnt. Ebenfalls für seine Fans, die ertragen mussten, wie sich der Kanadier in klangliche Experimente verirrte, die mit den grandiosen Alben der 1970er Jahre wenig gemeinsam hatten. Sein neues Label Geffen war sauer und verklagte ihn, weil er „nicht repräsentative Musik“ lieferte, die sich kaum vermarkten ließ. Dazu stand Young mit dem neuen Vertriebskanal MTV auf Kriegsfuß.

1988 gelang ihm schließlich ein Neuanfang: Zurück beim alten Label Reprise nahm er mit dem Stück „This Note’s For You“ MTV und die zunehmende Kommerzialisierung des Musikbusiness aufs Korn. Erst nahm der Sender das Stück aus dem Programm, dann kürte er es zum „Video des Jahres“.

1989 bewies Young mit „Freedom“ wieder alte Stärke und lieferte mit „Rockin‘ In The Free World“ eines seiner besten Stücke überhaupt ab. 1990 trommelte er schließlich die treu ergebene und in Sachen elektrischer Gitarre kaum zu schlagende Begleitband Crazy Horse wieder zusammen. Gitarrist Poncho Sampedro, Bassist Billy Talbot und Schlagzeuger Ralf Molina verbrachten den April auf Youngs Ranch Broken Arrow, wo sie täglich stundenlang gemeinsam spielten und aufnahmen. So entstand das im Sommer veröffentlichte Album „Ragged Glory“, das an hart rockende Scheiben aus den 1970er Jahren wie „Zuma“ (1975) oder die B-Seite von „Rust Never Sleeps“ (1979) anknüpfte.

In einem Club in kalifornischen Santa Cruz spielte das Quartett das Material im November 1990 zum ersten Mal live, verteilt auf drei einstündige Sets. Wie so oft bei Young lief das Aufnahmegerät mit, in diesem Fall sogar eine Kamera. Dass es erst 31 Jahre später erscheint, liegt vermutlich daran, dass die folgende Tour mit dem Livealbum „Weld“ und der Feedbackorgie „Arc“ 1991 bereits dokumentiert wurde. Doch ist hier die Setlist eine andere, auch fasste der Club The Catalyst gerade mal 800 Leute, war also viel intimer.

Schön, diese Stücke als physischen Tonträger in der Hand zu halten und nicht nur als Stream zu hören, auch wenn Young in Sachen Audioqualität schon immer äußerst penibel war. Mal wieder gute Werbung für das kostenpflichtige und ausufernde ArchivArchiv, das seit 2019 online ist. Bei den Formaten und dem Umfang hat man die Qual der Wahl, die Deluxe-Version enthält vier LPs, zwei CDs und die DVD mit dem Film.

Da es sich um den ersten Aufritt nach der Veröffentlichung von „Ragged Glory“ handelte, spielte das neue Album die Hauptrolle: acht von zehn Stücken sind hier vertreten. Nicht alle haben sich im Laufe der Jahre bewährt, doch mehrere bleiben gut und sind nach wie vor im Programm, etwa „Country Home“ oder „Mansion On The Hill„. „F+!#in‘ Up“ gehörte lange zu Pearl Jams Live-Repertoire.

Bei drei Stunden blieb genügend Zeit, auch obskure Lieder auszugraben. „Surfer Joe And Moe The Sleaze“ und „T-Bone“ etwa, beide aus dem Album „Re-Ac-Tor“ von 1981, mit dem das Elend begann. Zum ersten Mal spielten Crazy Horse „Danger Bird“ aus „Zuma“ (1975), ansonsten hatten sie vor allem viel Spaß daran, zu rocken. Bezeichnenderweise verzichtete Young auf Einlagen an der Akustikgitarre oder der Orgel und konzentrierte sich ganz auf seine Gitarre, gut unterstützt von Sampedro.

Ein paar Klassiker streuten sie auch ein. „Cowgirl In The Sand“ ist nur in der Filmversion zu sehen, weil davon nur eine lückenhafte Audiospur existiert. „Cinnamon Girl“ und „Sedan Delivery“ klingen, als hätten sie sie zum ersten Mal seit langem gespielt. Ganz zum Schluss bietet das Quartett aber bombastische Versionen von „Like A Hurricane“ und „Cortez The Killer„, beide etwa 12 Minuten lang. Und keine zu viel, so mitreißend, wie Young spielt.

Er war offenbar wieder in seinem Element. Oder war es das Publikum, das wieder zu ihm gefunden hatte? Jedenfalls diente Young der aufkommenden Grunge-Bewegung als Vorbild, auch wenn sein nächstes Album „Harvest Moon“ (1992) erst mal wieder ein akustisches war.

Wer diese Version des Kanadiers, mittlerweile auch mit US-Pass ausgestattet, eher mag, sollte sich übrigens den 26. März 2021 notieren, denn dann erscheint der Solomitschnitt „Young Shakespeare“ von 1971, auch diesmal mit bewegten Bildern. Dabei soll es sich um das älteste Filmmaterial handeln, das von Neil Young solo existiert.