„AngelHeaded Hipster: The Songs Of Marc Bolan & T. Rex“ von Various Artists

laut.de-Kritik

70er-Ikone als Zucker-Art-Pop.

Review von

Der engelsgleich gelockte Marc Bolan inspiriert große Namen fürs Tribute-Album „AngelHeaded Hipster“. Elton John und U2, Nick Cave und Nena, das Aufgebot ist bunt. Doch viele der 26 Beiträge ähneln einander. Dabei war Bolan mit seiner Combo T.Rex ein bunter Vogel. Im Folk legte die Band los, flocht pyschedelische Riffs ein und landete im Glam-Rock, den sie zeitgleich mit Bowie schuf und aus zweiminütigen Bangern in elegische Nummern weiter entwickelte. Der Mensch, der jetzt ohne rechten Anlass das Tribute ankurbelte und die fast 30 Acts zusammentrommelte, starb im Frühjahr an Corona. Was er wirklich ausdrücken oder beabsichtigen wollte, wird nicht klar. Die Trackliste positioniert viele weibliche Beteiligte und markiert so, wie Bolan seinerzeit mit seinem androgynen Auftreten aus dem damaligen maskulinen ‚Cock Rock‘ herausstach.

Den mit Abstand stärksten Beitrag liefert die Indie-Sängerin Beth Orton im „Hippy Gumbo“. Sphärisches trifft auf Perkussives. Positiv tritt auch King Khans wilde „I Love To Boogie“-Interpretation hervor. Einen Pluspunkt verdient sich das Duo Elysian Fields mit einer angejazzten Fassung des relativ unbekannten „The Street And Babe Shadow“ aus dem Album „Tanx“ (1973). Mit Klavier empfinden sie die Album-Stimmung von „Tanx“ nach, Bolan gab sich dort teils soulig.

Bereits mit langem Vorlauf wurde der Beitrag von Kesha als Single ausgekoppelt, eine gute Wahl: eine der wenigen wirklich aufregenden Darbietungen, weil Kesha ringt und kämpft, ihre Worte verstanden wissen will. Und weil der Song recht bekannt ist, „Children Of The Revolution“, dem sich übrigens auch die Violent Femmes mal hingaben.

Kesha schreckt ja vor fast keinem Genre zurück und klingt hier herzhaft, sogar weniger ‚inszeniert‘ als das Original. Solche Coverversionen mit Gefühlsgewinn sucht man hier mühselig. Auf der Habenseite finden sich Peaches‚ spritzige Electro-Version von „Solid Gold, Easy Action“ und die getragene Fassung von „Dawn Storm“ des Singer/Songwriters Borns.

Nur wenige Interpreten scheinen aber effektiv in den Bolan-Songs anzukommen und sich dort zu etablieren und zu entfalten, so Gavin Friday in „The Leopards“. Da liegen die Gewinne maximal im Ausgraben unbekannter Repertoire-Tracks. Der Leopardensong klingt wie ein Hörspiel, lebt vom vielschichtigen Background-Gesang und von Jazz-Momenten. Auf die gesamte Länge hin dreht man bei der aufgetragenen Stimme aber ab. Kein echter Treffer, aber auch kein Fail.

Zu Bolan gehörte eine gewisse Verrücktheit, die sich in ungewöhnlichen Formulierungen und Sprachspielereien, Wortkaskaden, Alliterationen und Neologismen niederschlug. Namensvetter Marc, der Soft Cell-Kollege, kann sich hier hineinfühlen, und arrangiert „Teenage Dream“ in Tom Waits-Manier. Funktioniert als Art Pop-Drama. Hat aber auch viel von Musical-Sound. Cello, Kontrabass, Saxophon, viel Klavier allüberall, wie abgesprochen, damit gehen sie einem irgendwann auf die Nerven.

Es löst Schulterzucken aus, wenn nicht jeder seinen eigenen Ansatz findet oder überhaupt sich die Songs zu eigen macht, sie verkörpert und ausstrahlt ohne zu überspitzen; wenn sich dann aber das gleiche Arrangement zu solche unterschiedlichen Stimmen und Songs gesellt, entsteht wenig Dynamik und Überraschung, auch keine Spannung, es leiert sich aus.

Allgemein unklar bleibt, woher die ganze Tribute-Aktion stammt. Insbesondere, wer die Dramaturgie oder viel mehr ihr Fehlen verantwortet und das meiste in schläfrige Lounge-Arrangements hüllte. Immer wieder Tenorsaxophon, Kontrabass und dazu tiefe Paukenschläge in einer Dream-Lounge-Fassung mit Art Pop-Anwandlungen. Nick Caves „Cosmic Dancer“ profitiert da noch halbwegs von Caves Gesang, wickelt den Song aber in eine Art Trauermarsch und Beerdigungs-Stimmung ein. Klingt weder nach Cave noch nach Bolan, dafür wie die übrige Lounge-Instrumentierung.

Die Beiträge sind zwar handwerklich alle einwandfrei, zusammen ergeben sie aber einen langweiligen bis schon irritierenden Gleichklang. Bolan war doch ein sehr vielseitiger Typ, zudem mit einer prägnanten Handschrift, und sie hier vom Tisch zu wischen, einfach alles möglichst gar nicht mehr nach T. Rex klingen zu lassen und aber nur eine einzige Antwort auf ihn zu wissen, nämlich ihn in Weichspüler-Tracks zu verarbeiten, das überzeugt einfach nicht. Den „Metal Guru“ etwa nudelt Nena brav herunter, kehrt dessen Sixties-Eigenschaften heraus und endet somit in einer Art Merseybeat-Routinenummer, die den Song eher pflichtschuldig abfrühstückt und banalisiert.

Konstruktionsfehler liegen schon in der Selektion der Nummern, die sich zwar „The Songs Of Marc Bolan & T. Rex“ rühmen, dann aber mitnichten „The“, sondern einige willkürlich kompilierte Songs darbieten. Dass dabei unsterbliche Hits wie „Telegram Sam“ und „Hot Love“ völlig auf der Strecke bleiben, ist schade, weil sich nicht viele namhafte Leute an Coverversionen herantrauten, bis dato. Bauhaus haben zum Beispiel mal „Telegram Sam“ neu vertont. Es wäre doch interessant, Songs neu zu hören, die die Allgemeinheit kennt. Auch um den „Woodland Rock“, Signature-Nummer der erdigen Variante von Glam, Prototyp-Song (allen) späteren Poser-Rocks, machten die Beteiligten einen Bogen.

Niemand traute sich die Sitar-Nummern zu, von denen es auf dem „Futuristic Dragon“-Album einige gab. Selbstbeschreibende Songs des Charakters Bolan wie „Dandy In The Underworld“, „Funky London Childhood“ oder „Teen Riot Structure“ bleiben auf der Strecke, aber auch die Songs über Musik „Shock Rock“, „Some People Like To Rock“ und „Savage Beethoven“. Einziger Erkenntniszuwachs: Bolan kann als softer, einlullender Artpop ein neues Gesicht annehmen.