Literatur: Raketen in Kansas

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Family collection of Infrogmation of New Orleans/commons.wikimedia.org/wiki/File:Protest_against_Trident_II_Missile,_Cape_Canaveral_Florida,_1987_04.jpg/creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0

Atomare Aufrüstung sorgte in den USA auch jenseits der Städte für Proteste (Cape Canaveral Florida, 1987)

Die US-amerikanische Krimiautorin Sara Paretzky hat sich mit der Figur einer in den Elendsvierteln Chicagos ermittelnden Privatdetektivin Vic Warshawski auch im deutschen Sprachraum eine Fangemeinde erobert. Im kürzlich vom Ariadne-Verlag herausgebrachten Band »Altlasten« verschlägt es die Heldin allerdings aus dem gewohnten großstädtischen Umfeld in eine trostlose Kleinstadt des amerikanischen Mittelwestens.

Der Anlass für diesen Ortswechsel scheint zunächst banal: Im Zusammenhang mit einem simplen Einbruch verdächtigt die Polizei einen afroamerikanischen Trainer. Dieser ist seitdem verschwunden. Die Verwandtschaft des Mannes beteuert seine Unschuld, befürchtet, dass die Polizei ihm das Verbrechen absichtlich anhängt. Die Ermittlerin lässt sich breitschlagen und nimmt die Suche nach dem Vermissten auf.

Was zunächst wie ein Routinefall erscheint, wird kompliziert. Es stellt sich heraus, dass der Trainer außerdem noch als Filmemacher gearbeitet hat – allerdings wenig erfolgreich. Zuletzt gesehen wurde er in Begleitung einer einstmals bekannten afroamerikanischen Filmschauspielerin auf dem Weg in deren Heimat, den Bundesstaat Kansas, wo sie ihm für seinen Dokumentarfilm über ihr Leben von ihrer Kindheit und Jugend erzählen wollte. Auch die Schauspielerin ist seitdem verschwunden. Wurden sie unterwegs Opfer eines Verbrechens? Aber in der Heimatstadt der Schauspielerin sind die beiden nachweislich angekommen. Dort verliert sich allerdings ihre Spur – die einzige, die die beiden Vermissten danach noch gesehen hat, ist eine Obdachlose, die mit einer Überdosis im Krankenhaus liegt. Ein Zufall? Andere Menschen, welche die Ermittlerin auf der Suche nach Hinweisen aufspürt, findet sie tot auf. Leichen verschwinden, bevor sie obduziert werden können.

Vic Warshawski tritt zunächst auf der Stelle, wird nach Kräften behindert von missmutigen Kleinstadtpolizisten, hochrangigen US-Militärs und einer dubiosen Bürgerinitiative, die für eine erneute atomare Hochrüstung der USA eintritt. In der Region waren während der Präsidentschaft Ronald Reagans atomar bestückte, auf die Sowjetunion gerichtete Interkontinentalraketen stationiert. Es gab damals Proteste und ein Camp der Friedensbewegung. Und es gab Tote auf seiten der Demonstranten. Die verschwundene Filmschauspielerin beteiligte sich in ihrer Jugend an der friedlichen Belagerung der Raketensilos. Und schließlich stellt sich auch noch heraus, dass der Vater der unter Drogen gesetzten Obdachlosen damals daran beteiligt war, für das US-Militär biologische Kampfmittel zu entwickeln …

Paretzky ist mit diesem Werk ein schön böser Thriller über die verdrängte Vergangenheit einer ganzen Region gelungen. Dass im Verlaufe der doch etwas umfänglichen Handlung der ursprüngliche Krimiplot etwas in den Hintergrund gerät, stört in diesem Fall wenig.

Das Buch, das übrigens noch vor dem Amtsantritt Donald Trumps entstand, ist besonders empfehlenswert für Menschen, die sich noch an die großen Umwelt- und Antikriegsproteste der 70er und 80er Jahre erinnern. Und natürlich erst recht für jüngere Leute, die sich aus genau dem Grund für diese Zeit interessieren. Wie schrieb der Dichter William Faulkner doch einmal: »Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.«